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| Die Fernsehbilder in 10vor10 im Jahr 1993 rührten die tierliebende
Schweiz. Dutzende von Steinböcken trippelten mit unsicheren Schritten
über die Bergweiden ob Arosa. Manche verhungerten, andere stürzten über
die Felsen zu Tode. Die Steinböcke waren blind – und niemand wusste
zunächst, wo die Ursache der Krankheit lag. Heute kennt man die Krankheit, den Verlauf und den Erreger, Mycoplasma conjunctivae. M. conjunctivae kommt in Form von verschiedenen Stämmen vor, die von unterschiedlicher Virulenz sind. Schnelltests für den Erregernachweis sind entwickelt und die für das Angehen der Infektion verantwortlichen Gene identifiziert. Es ist bekannt, bei welchen Tieren sie die besten Wirte findet. Die Schafe spielen eindeutig und unbestreitbar die Rolle der Hauptüberträger und «Reservoir» der Gemsblindheit. Die Gemse ist für den tückischen Erreger ein Sackgassenwirt; die Infektion hält sich beim Wild auf Dauer nicht. Verhaltensstudien haben gezeigt, dass sich empfängliche Tiere verschiedener Arten zwar sehr nahe kommen können, dass aber Gemsen die unmittelbare Nähe von Schafen meiden. Beim Steinwild ist dies weniger ausgeprägt, weshalb das zwischenartliche Übertragungsrisiko von M. conjunctivae je nach beteiligter Tierarten unterschiedlich gross ist. |
| All diese Ergebnisse erarbeitete ein Forscherteam im Rahmen des
Projektes zur Erforschung der Gemsblindheit unter dem Patronat der
Naturforschenden Gesellschaft Graubünden. Das Institut für
Veterinärbakteriologie der Universität Bern war die massgebende
Forschungseinrichtung; sie steuerte die wesentlichen Erkenntnisse zu
den Eigenschaften des Erregers der Gemsblindheit bei. An den
Untersuchungen wirkten aber zahlreiche weitere Forschergruppen aus der
Schweiz, Italien, Schweden, Kroatien, Neuseeland, Österreich und den
Niederlanden mit. Die Arbeit der Forscher und jene der Fachleute im
Feld wurde sorgfältig aufeinander abgestimmt. Finanziert wurde das Projekt einerseits mit Mitteln von kantonalen Ämtern aus Graubünden und vom Bundesamt für Umwelt, andererseits unterstützten Verbände, Stiftungen und andere Organisationen sowie Privatpersonen das Forschungsprojekt ganz wesentlich mit. Einige Forschungseinrichtungen und Ämter setzten eigene Mittel ein oder stellten Eigenleistungen kostenlos zur Verfügung. Die Trägerschaft des Projektes „Gemsblindheit“ ist im Jahr 2007 von der Naturforschenden Gesellschaft Graubünden an die Stiftung „Naturschutz und Wild“ von JagdSchweiz übertragen worden. Auf der Basis des bisher Erreichten und im Sinne der bisherigen Sponsoren wird diese die Erforschung der Gemsblindheit vorantreiben. |
| Die Ziele des Projektes
waren auf die Wissensmehrung und auf die Bekämpfung der heimtückischen
Tiererkrankung ausgerichtet. Während im Bereich der Grundlagenforschung
wesentliche Fortschritte erzielt worden sind, ist man bei der
Bekämpfung noch weit von einem Durchbruch entfernt. Was heute nach wie
vor fehlt, ist ein kluges Konzept zur Minderung des Infektionsdruckes
während der Sömmerung. Dies mit dem Ziel, die Häufigkeit von Epidemien
der Gemsblindheit beim Wild zu reduzieren. Gefragt sind aber auch
Instrumente zur besseren Behandlung und Bekämpfung der Infektion beim
Kleinvieh. Es sind also weitere Forschungsanstrengungen notwendig. Einerseits gilt es, die Mechanismen zur Übertragung des Erregers besser zu verstehen. Daraus könnten praktikable Massnahmen zur besseren Abstimmung der Lebensraumnutzung durch Wild- und Nutztiere abgeleitet werden. Stichworte dazu sind Salzlecken, Herdenführung und Jagdplanung. Andererseits müssen tiefere Grundlagen über die genetischen und molekularen Faktoren von Mycoplasma conjunctivae erforscht werden. |